Zukunftswerkstatt "Frauen in Bewegung +20"
Was wurde seit der Konferenz in Peking erreicht?
Wie stellen wir uns die Zukunft vor?
Bonn, 17. bis 19. Juni 2016
 

 
Eröffnung
 
Die Veranstaltung wurde durch Constanza Paetau, Vorsitzende des Internationalen Frauenzentrums Bonn, eröffnet. Es folgte die Begrüßung der Gäste Gabriele Klingmüller, Bürgermeisterin der Stadt Bonn und Heidemarie Wieczorek-Zeul, Schirmfrau des ifz und ehemalige Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.
Die Bürgermeisterin der Stadt, Frau Gabriele Klingmüller stellte die Bedeutung der Bundes- und UN-Stadt Bonn in der internationalen Diskussion zum Thema Entwicklungszusammenarbeit heraus.
Frau Wieczoreck-Zeul stellt in ihrer Rede heraus, dass es absolut keine Argumente gäbe, um Frauenrechte und somit auch Menschenrechte in Frage zu stellen. Sie beklagte die noch immer vorherrschenden patriarchalischen Gesellschaftsordnungen, die für die Ungleichheit zwischen Mann und Frau weltweit mit verantwortlich seien. Aber auch die ökonomische Austerität sei als Grund dafür zu nennen, dass Solidarität zwischen den Geschlechtern ausgehöhlt wird. Sie machte auch den Zuwachs an Gewalt und Gesetzlosigkeit in internationalen Beziehungen dafür verantwortlich, dass eine Negierung der Frauenrechte stattfände.
Die Zunahme der Zustimmung zu rechten Parteien sei ein Roll-Back der errungenen Fortschritte in der Gleichstellung von Mann und Frau. Frau Wieckzoreck-Zeul machte auf die statistischen Daten aufmerksam, dass Frauen im Jahr 2012 ca. 75% höherer Sterblichkeitsrate haben als Männer, verursacht durch Abtreibung weiblicher Föten, Müttersterblichkeit aufgrund unzureichender Betreuung, unzureichend ausgebaute Gesundheitssysteme, und gefährliche Arbeitsbedingungen z.B. in der Textilbranche, wo beispielsweise in Myanmar 95% Frauen tätig sind.
Frau Wieczoreck-Zeul wies auf die jüngst beschlossenen Nachhaltigkeitsentwicklungsziele hin, in denen Bezug auf die Verbesserung der Frauenrechtslage genommen wird. Sie beklagte, dass in Deutschland lediglich 0,25 Prozent statt der international vereinbarten 0,7 Prozent des BIP für Entwicklungszusammenarbeit aufgewendet wird. Und diese Zahl beinhaltet bereits die Aufwendungen, die im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise verausgabt werden.
Ein Radio-Beitrag von Bonn.fm Radio des Campusradio der Universität Bonn und der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg wurde eingespielt in dem in einer fiktiven Rundfunk-Nachrichtensendung aus dem Jahr 2030 ein männlicher und eine weibliche Radiomoderator*in Nachrichtenbeiträge vorbringen, aus denen deutlich wird, dass in Europa die Gleichstellung von Mann und Frau auf allen Ebenen der Gesellschaft, ob in der Wirtschaft oder Politik erreicht und die Frauenquote damit nicht mehr notwendig sei.
 
Podiumsdiskussion: Wie werden Frauen in Politik und Gesellschaft zum Mainstream?
Frau Viktoria Appelbe, Leiterin des Amtes für Wirtschaftsförderung, Liegenschaften und Tourismus der Stadt Bonn wies darauf hin, dass es in der Diskussion um die Wirtschaftsförderung wichtig sei klar zu stellen, dass es bei der Förderung von Frauen nicht um Charity ginge, sondern um das Erkennen und Fördern von Ressourcen.
Anna Jäger von der Europäischen Akademie für Frauen (EAF Berlin) sagte, ihre relativ junge Generation sei in der Fehlannahme, dass Gleichstellung der Frauen bereits umgesetzt sei. Tatsächlich sei der Frauenanteil in der Politik bereits hoch, jedoch an der Basisdemokratie auf der kommunalen Ebene, in Wirtschaft und Verwaltung werdennur wenige Führungspositionen von Frauen wahrgenommen. Von den Wählern werden an Bürgermeisterinnen auch andere Erwartungen gestellt, als an ihre männliche Kollegen. Dazu gehörte, dass die private Lebensführung ein einwandfreies Verhalten aufzuweisen habe. Auch seien Bürgermeisterinnen einem höheren Leistungsdruck ausgesetzt.
Es wurde für das Publikum ein kurzer Clip der MoreWomen Campagne des Magazins „Elle“ auf Fernsehbildschirmen eigespielt in dem Gruppenfotos von (hochrangigen) Events in Politik und Gesellschaft (z.B. im Britischen Unterhaus oder bei einer UN-Versammlung) zuerst in ihrer Ursprungsform gezeigt wurden und dann so, wie sie aussehen würden, wenn alle Männer wegretuschiert werden würden. Dadurch wurden sehr gut sichtbar, wie wenige Frauen auf diesen Fotos übrig bleiben.
Katja Dörner, Bundestagsabgeordnete der Bündnis 90/Die Grünen erklärte, sie hätte zweifellos von der Vorgabe bei den Grünen profitiert, dass mindestens die Hälfte aller Ämter weiblich besetzt sein sollen. Es sei eine kritische Masse an Frauen notwendig, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf voranbringen zu können. Sie berichtete, dass ihr eigener Einstieg in die Politik einer Notsituation geschuldet war als sie zur Beisitzerin im Vorstand des Kreisverbandes Bonn wurde, um die Quote zu erfüllen. Nun aber 17 Jahre später ist sie stellvertretende Vorsitzende der Bundestagsfraktion der Grünen.
Die Diskussionsteilnehmerinnen machten klar, dass Handlungsansätze notwendig seien, um mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen. Dazu gehörten:
-        Flexible Zeitmodelle (u.a. gegen präsenzorientiere Sitzungskultur bei Parteisitzungen)
-        Unterstützung von Frauennetzwerken
-        Direkte persönliche Förderung und begleitende Unterstützung
-        Mentoring, Coaching, Training, Austausch-Formate, z.B. im Helene Weber Kolleg oder der Helene Weber Preis, der sich an an Neueinsteigerinnen in der Kommunalpolitik wendet (Frauen-macht-politik.de) oder der Hildegardis-Preis in Frauenbildung
Prof. Dr. Doris-Mathilde Lucke, vom Institut für Politikwissenschaft und Soziologie der Universität Bonn brachte die These der „exkludierenden Inklusion“ auf und unterstrich dabei ihre Position gegen eine Frauenquote. Vielmehr sei die Bedeutung des persönlichen Vorbilds heraus zu heben wie das der Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard. Sehgewohnheiten seien nicht zu unterschätzen.
Frau Appelbe erklärte, sie sei früher ebenfalls keine Befürworterin der Frauenquote gewesen, hätte jedoch festgestellt, dass es ohne dieses Instrument in der Gleichstellung viel zu langsam in der Entwicklung zur Gleichstellung von Mann und Frau ginge.
Katja Dörner stellte fest, dass Quote und Vorbildfunktion sich nicht ausschließen würden, sie riet den Frauen die Strukturen selbstbewusst zu nutzen und auch junge Frauen mitzunehmen und ihren Blick für strukturelle Bedingtheiten zu schärfen. Jüngere Frauen sagten häufig, dass eine Frauenquote nicht notwendig sei, doch erfahrenere Frauen in Politik und Gesellschaft, stellten fest, dass diese natürlich notwendig sei.
Während der Diskussion hob die aus Großbritannien stammende Viktoria Appelbe hervor, dass sie erst in Deutschland die geschlechterbezogene Auslegung des Worts „Gleichstellung“ kennen gelernt habe. Im Englischen hätte das Wort „equality“ die Bedeutung, dass niemand diskriminiert werden dürfe und beklagte die sehr akademisierte Diskussion zu dem Thema und die PR-Kampagnen bei denen all das betont werden würde, was in der Gesellschaft als „anders“ wahrgenommen würde. Sie betonte, dass die unterschiedlichen Akteure, wie z.B. Frauen, Behinderte, Menschen mit Migrationshintergrund und unterschiedlicher Hautfarbe nicht gegeneinander ausgespielt werden dürften.
 
Frau Dr. Claudia Lücking-Michel, Bonner Bundestagsabgeordnete der CDU warnte davor, lediglich in der Diskussion um die Gleichstellung von Mann und Frau sich lediglich auf die Zahlen zu fokussieren, denn so würden bestimmte Phänomene verpasst werden. Beispielsweise sei der früher von Männern dominierte Medizinbereich „feminisiert“ worden, in diesem Bereich sei es jedoch nicht mehr möglich so viel Geld zu verdienen wie in anderen Bereichen. Die Macht sei aus Politik und Wissenschaft in die Wirtschaft abgewandert, wo es so gut wie keine Frauen in den obersten Führungspositionen gäbe und wo Frauen männlichen Spielregeln ausgesetzt sind. Sie fordert Frauen auf ihre Macht dazu einzusetzen gut zu gestalten. Sie äußerte, dass bei den Befürwortern der rechtspopulistischen Partei „Alternative für Deutschland - AfD“, die häufig „aus dem Bauch heraus“ für die Partei stimmen würden, viele dem Trugschluss verfallen seien, dass Frauen in Führungspositionen der Partei für Feminismus stünden. Dem sei nicht so. Es sei wichtig in der öffentlichen Auseinandersetzung mit der AfD deren Parteiprogramm deutlich zu machen, welches nach sehr langer Zeit nun auch verschriftlicht und öffentlich gemacht worden sei. Die Partei stünde für Ablehnung der Geschlechtergerechtigkeit, die mit „Buntheit“ verknüpft sei. Auch wären Menschen mit geringem Einkommen unter den Befürwortern und Wählern, vielen sei jedoch gar nicht klar, dass die Partei beispielsweise den Mindestlohn abschaffen wolle. Die Partei vertrete ein rückwärtsgewandtes Gesellschafts- und Familienbild. Sie betreibe Komplexitätsreduktion um auf Wählerfang zu gehen, statt sich den Herausforderungen der modernen Gesellschaft zu stellen.

Die Diskussionsteilnehmerinnen waren sich darin einig, dass es notwendig sei, Druck auf die Ausrichter öffentlicher Veranstaltungen auszuüben und Öffentlichkeit zu schaffen, wenn beispielsweise Podien einseitig mit Männern besetzt werden würden, da die Auswahlkriterien für die Besetzung der Podien oft rein nach Funktion festgelegt werden würden. Positiv zu erwähnen sei, dass wenn der Gesellschaft etwas auffällt, dann ändert sich auch etwas. Vor 20 Jahren gab es an den Unis im Allgemeinen keine Universitätsprofessorinnen und dies sei den Studierenden nicht negativ aufgefallen. Heute ist das Bewusstsein dafür in der Gesellschaft geschärft.
Moderation: Dr. Ines Kappert, Leiterin des Gunda-Werner-Instituts, Berlin
 
Hier finden Sie die Zusammenfassung der Workshops Frauen in Bewegung + 20 Workshops