Krieg am eigenen Leib. Die Vorgeschichte von Ulrike Vestring
Die Podiumsdiskussion zur Zwangsprostitution von Frauen in bewaffneten Konflikten. Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzung war die erste Veranstaltung im Rahmen der Reihe ‚Krieg am eigenen Leib'. Trotz kurzfristiger Ankündigung kamen mehr als hundert interessierte und sachkundige Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Inhaltliche Konzeption und Planung der gesamten Reihe lagen beim Internationalen Frauenzentrum Bonn e.V. und bei TERRE DES FEMMES. Zur organisatorischen Vorbereitung und Durchführung der Podiumsdiskussion konnten wir die Friedrich Ebert-Stiftung als Partnerin gewinnen; dafür möchten wir uns bedanken.

Zwangsprostitution von Frauen in bewaffneten Konflikten - das ist ein komplexes und erschreckend weltweites Phänomen. Es durchzieht die Weltgeschichte. Astrid Lipinsky von Terre des Femmes und ich vom ifz Bonn begannen im November letzten Jahres, die Veranstaltungen vorzubereiten. Dabei wurde uns klar, dass wir es mit einem schrecklichen und auch schrecklich schwierigen Thema zu tun hatten. Auslöser war das Gespräch mit zwei koreanischen Frauen, die in Begleitung von TdF im letzten Herbst zu uns ins Internationale Frauenzentrum kamen. Es waren Frau Kim Yoon-ok aus Seoul und Frau Hyun Kyong-Ae aus Mainz. Beide Frauen arbeiten seit Jahren für die Rehabilitierung ehemaliger sogenannter Trostfrauen. Sie berichteten uns von dem symbolischen Tribunal, das Nichtregierungsorganisationen aus zahlreichen Ländern im Dezember 2000 in Tokio abhalten wollten. 

Das Tribunal fand statt und machte den kaum fassbaren Schrecken der Massenvergewaltigungen offenbar, die von der japanischen Armee auf ihren Eroberungsfeldzügen in Ostasien zwischen 1931 und 1945 verübt wurden. Dennoch: so schlimm das war - geschah es nicht weit weg von uns, und ist es im übrigen nicht lange her?
Wir meinen nein. Das Tribunal von Tokio konfrontiert uns hier und heute mit einer dreifachen Frage. 
§ Zum ersten: was geschah damals bei uns, während des von Deutschland entfesselten zweiten Weltkrieges? Wo waren Deutsche als Täter, wo waren sie als Opfer an Zwangsprostitutionen beteiligt, und wie wurde später damit umgegangen? 
§ Und zum zweiten: reicht nicht das schreckliche Problem bis in unsere ganz aktuelle Gegenwart hinein, mit Stichworten wie Bosnien und Ruanda, Ost-Timor und Kosovo?
§ Und drittens schließlich: was wurde getan und was muss weiter getan werden, um solche Taten weltweit als Menschenrechtsverletzungen zu ächten und die Täter als Kriegsverbrecher zu bestrafen? 

Mit diesen Fragen werden sich die bis in den Herbst hinein geplanten Einzelveranstaltungen beschäftigen. Neben Referaten und Diskussionsrunden stehen Filme aus Japan, aus Deutschland, aus Korea und aus Vietnam auf dem Programm. Dieser Veranstaltungskalender ist aber keine geschlossene Liste. Er wird laufend ergänzt und umgeschrieben, damit andere Fragestellungen, zusätzliche Perspektiven, wichtige persönliche Zeugnisse zum Zuge kommen. 
Mit dieser offenen Liste reagieren wir als Veranstalterinnen auf Anregungen und Vorschläge, die wir uns im übrigen auch von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Podiumsdiskussion erhoffen. Auf Kritik, die uns im Vorfeld erreichte, konnten wir bereits reagieren. Ein Beispiel: ein aus Kenia stammender Politikwissenschaftler hatte bedauert, dass Zwangsprostitution von afrikanischen Frauen in den zahlreichen bewaffneten Konflikten dieses Erdteils, die von der jüngsten Vergangenheit bis in die Gegenwart hineinreichen, offenbar nicht thematisiert wird. Als Veranstalterinnen bedauern wir selbst, dass wir in dieser Auftaktveranstaltung nur einige Aspekte aufzeigen und wichtige Bereiche unberücksichtigt lassen müssen. Umso wichtiger ist die Möglichkeit, dies im Verlauf der bis in den Herbst hineinreichenden Veranstaltungsreihe ‚Krieg am eigenen Leib' zu tun. Wie der Veranstaltungskalender zeigt, wird das Problem aus afrikanischer Sicht bereits im Mai in einer Veranstaltung mit zwei Referentinnen aus Ruanda behandelt.

Zuvor gibt es im April einen Termin mit dem Titel ‚Männer führen Krieg - Frauen zahlen' (Montag, 23. April, 19:00 Uhr im IFZ, Wesselstr.16). Erika Schilling, die Referentin des Abends, wird berichten, wie das Elend und die Not am Ende des zweiten Weltkriegs deutsche Frauen dazu brachte, sich bei den siegreichen amerikanischen Truppen zu prostituieren, um sich und ihre Kinder am Leben zu erhalten. Und es wird sich zeigen, dass diese Notprostitution ganz ähnliche Folgen hatte wie die mit direkter Gewalt erzwungene: die Opfer litten ihr Leben lang an den körperlichen und seelischen Folgen sowie an der sozialen Ächtung von Seiten ihrer Umgebung.

Bei dieser wie bei den weiteren Veranstaltungen wird es auch um Diskussion und Klärung von Begriffen gehen, die bereits in den Titeln der Podiumsreferate benannt sind: Prostitution unter Zwang oder aus Not, lebensbedrohende sexuelle Gewalt gegen Frauen im Krieg. Dabei fällt auf, dass seit dem Tribunal in Tokio in der Diskussion häufig der Ausdruck ‚sexual slavery' gebraucht wird, der im deutschen wörtlich mit ‚sexueller Sklaverei' wiedergegeben wird. Das Urteil des Internationalen Gerichtshofs Den Haag im sogenannten Foca-Prozess gebraucht indessen den Ausdruck ‚enslavement' - ‚Versklavung', allerdings außerhalb des eigentlichen sexuellen Kontextes. Die wiederholte Vergewaltigung von oft gerade zu diesem Zweck verschleppten, in Lagern gehaltenen Frauen ist mit dem Begriff ‚Sklaverei', der eher einen Zustand bezeichnet, nicht wirklich zutreffend beschrieben; vielmehr verlangt gerade das von Tätern aktiv und fortgesetzt betriebene Verbrechen, wie ich meine, die Bezeichnung ‚sexuelle Versklavung'.

Die Podiumsdiskussion wollte einen Einblick geben in den Umfang und die Vielschichtigkeit des Problems. Ich möchte nur einen Aspekt erwähnen, der mich besonders beschäftigt. 
Seit dem 1. Februar 2001 tun junge Frauen als Soldatinnen der Bundeswehr Dienst mit der Waffe. Über kurz oder lang werden sie an bewaffneten Einsätzen der Bundeswehr beteiligt sein.
Diese Einsätze verlieren ihren kriegerischen Charakter nicht dadurch, dass sie etwa als zum Schutz der Menschenrechte notwendig deklariert werden. Wie werden diese jungen Frauen reagieren, wenn sie mit dem konfrontiert werden, was wir ‚Krieg am eigenen Leib' nennen?
Und wie, sollten sie einmal ihre männlichen Kameraden auf der Seite der Täter entdecken? Werden diese Soldatinnen dann wegsehen und schweigen? Kriegsbedingte Gewalt gegen Frauen wird heute öffentlich diskutiert, die Rechtsentwicklung ist endlich in Gang gekommen. Wird das auch diesen Frauen den Mut machen, derartige Gewalt selbst von Seiten der eigenen Kameraden als Menschenrechtsverbrechen zu erkennen und zu benennen? 

Hier noch ein Wort zu den beiden Organisationen, die die Veranstaltungsreihe ‚Krieg am eigenen Leib' gemeinsam konzipiert haben. Wir im Internationalen Frauenzentrum Bonn e.V. sehen darin eine Fortsetzung der frauenpolitischen Arbeit, die unsere verhältnismäßig junge Organisation seit knapp zwei Jahren leistet. Im vergangenen Jahr stand die Beschäftigung mit dem Weltsozialgipfel ‚Kopenhagen + 5 unter dem Motto ‚Bonner Frauen für soziale Gerechtigkeit und Frieden'. Unter dieses Motto stellen wir auch die Arbeit an der Veranstaltungsreihe ‚Krieg am eigenen Leib'. Dass wir dabei mit dem in Bonn angesiedelten Asia Desk von TERRE DES FEMMES kooperieren können, ist für uns ein Glücksfall - sachlich und persönlich. Denn Astrid Lipinsky bearbeitet das Thema seit langem gründlich und mit persönlichem Engagement. Dafür steht auch ihre Dokumentation zum Thema ‚Trostfrauen - Zwangsprostituierte der japanischen Armee in China und Taiwan 1932-45'. Astrid Lipinsky's Recherchen geben einen Eindruck von der erschütternd großen Zahl chinesischer Opfer und dem Ausmaß des ihnen angetanen Unrechts. Insofern bildet die Dokumentation eine wichtige Ergänzung zu den für die Öffentlichkeit bereits länger zugänglichen Berichten aus Korea. 

Auch wenn es vordergründig widersprüchlich klingt: mit der Veranstaltungsreihe ‚Krieg am eigenen Leib' setzen wir uns für den Frieden ein. Aber gerade deshalb müssen wir uns fragen: Ist Krieg für Frauen in Wirklichkeit nicht immer Krieg am eigenen Leib? Es geht darum, die scheinbar naturgegebene geschlechtsbedingte Gewalt im Krieg als dem Krieg immanent zu erkennen und sie als Verstoß gegen die Menschenrechte zu benennen und zu bestrafen. Mag sein, dass damit in letzter Konsequenz der Verzicht auf jegliche bewaffnete Auseinandersetzung, also die Abschaffung des Krieges gefordert ist.